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Entwurf einer neuen Lernkultur
Wer sich in der Welt umschaut, wird auf viele häßliche Dinge stoßen, die den Menschen und seine Mitgeschöpfe leiden lassen. Viel zu viele Menschen leiden, viel zu viele führen ein kümmerliches Dasein. Dabei will doch jeder Mensch im Grunde nur das eine und alle wollen das gleiche: In Freude leben.
Geht man der Sache auf den Grund, dann zeigt sich, daß die meisten Menschen irgendwo tiefin ihrem Inneren eine große Sehnsucht nach einem schöneren Leben haben, daß sie auch eine - wenngleich nur vage ausgebildete - Vorstellung dessen haben, was für sie ein schönes Leben ist.
Diese Bilder und Sehnsüchte entstammen dem Gemüt des Menschen. Das Gemüt ist das, was viele Menschen (fälschlich) als Gefühl bezeichnen und (oft unausgesprochen) als etwas ansehen, was sich der Vernunft bzw. dem Verstand bzw. Verständnis entzieht: “So empfinde ich das eben, das kann man nicht erklären.”
Das Gemüt ist die Gesamtheit der seelisch-geistigen Kräfte des Menschen, somit die Empfänglichkeit für Eindrücke aus der Umwelt und die damit einher gehende Bereitschaft, entsprechend zu handeln. Der Begriff kommt von Mut, dessen Wurzel soviel wie “Geist, Seele - dasjenige, was (den Körper) erregt, belebt” ist. Ein abgestumpfter Mensch ermangelt des Gemüts, sein Handeln ist träge, grob und rücksichtslos; ein sensibler, feinsinniger Mensch zeigt sich in großer Empfänglichkeit, sein Handeln ist weitsichtig, feinsinnig und rücksichtsvoll.
Das Gefühl ist die Gesamtheit des Fühlens seelisch-geistiger Regungen oder Empfindungen des Menschen in seinem Verhältnis zur Umwelt.
Die Gefühle sind einzelne menschliche (Ich-) Zustände des Wahrnehmens, in bestimmter Weise Ansprechens und Handelns in der Begegnung mit der Umwelt. Gefühle werden oft auch als Emotionen bezeichnet; in der Bildung dieses Wortes kommt die Komponente des Handelns, des Bewegens und Bewegt-seins zum Ausdruck: e- heraus, empor, und movere, bewegen.
Die Vernunft ist das geistige Vermögen des Menschen, Zusammenhänge sinnvoll zu erfassen, zu ordnen und zu überschauen und folgerichtig zu handeln; man kann sie auch als Fähigkeit zur Einsicht und zum einsichtigen Handeln bezeichnen.
(Seelische) Leiden entstehen überall dort, wo und immer dann, wenn Gemüt und Vernunft in Widerspruch zueinander geraten. Man kann annehmen, daß das Leiden umso gröBer wird, je größer die Kluft zwischen der Fähigkeit zur Einsicht in eine Situation und der Empfänglichkeit für die von der Situation ausgelösten Gefühle ist. Daraus läßt sich ableiten, daß umso weniger (seelisches) Leid empfunden wird, je mehr Gemüt und Vernunft miteinander im Einklang stehen. Diese Überlegung ergibt die Zielsetzung der Neuen Lernkultur:
Das Ziel der Neuen Lernkultur ist Harmonie von Gemüt und Vernunft.
Das bedeutet, daß keine Handlung im Leben eines Menschen (- beginnend bei der Wahrnehmung, über die Beurteilung des Wahrgenommenen und die Entscheidung zur Handlung oder zum Unterlassen des Handelns, sowie das Handeln selbst, bis hin zum Ergebnis aus dem Handeln -) seine Vernunft und sein Gemüt verletzen darf.
Praktizierte Lernkultur dient dem Einzelnen zur Lebensführung in Harmonie von Gemüt und Vernunft. Wir gehen davon aus, daß diese Harmonie ein Grundbedürfnis des Lebens an sich ist, und daß der Mensch aus diesem Grundbedürfnis heraus lernt. Er strebt nach Verständnis der Welt, um seine Vernunft (als Fähigkeit zur Einsicht) mit seinem Gemüt (als Empfänglichkeit für die Eindrücke der Welt) in Einklang (in Harmonie) zu bringen. Solange der Mensch sich im Einklang von Gemüt und Vernunft Ziele setzt, verfolgt und erreicht, solange empfindet er Glücklichsein, hohe Lebensqualität und hohe Gesinnung. Diese Harmonie von Gemüt und Vernunft gibt ihm die Fähigkeit, sein Leben in Harmonie mit allem Lebendigen zu führen. Das Ausmaß, in welchem diese Harmonie erreicht wird, zeigt sich in der Gesinnung (dem Ethos) des Menschen.
Die Kultur ist die Gesamtheit dessen, was die Menschen (als Gemeinschaft) für so lieb und wert halten, was sie pflegen, bewahren, erweitern und an ihren Nachwuchs weitergeben wollen, weil es ihrem Streben nach Wohlergehen dient.
Lernkultur ist Kultur des Lernens: Lernkultur herrscht dort und dann, wo und wenn Lernen zum Prinzip der Lebensführung wird. Sie ist demnach eine menschliche Schöpfung, die dem Streben des Menschen nach Wohlergehen und Harmonie entspringt. Um Lernkultur zu errichten, bedarf es zumindest folgender Elemente: der ...
- Pädagogik als Kunst, Kinder zu führen;
- Lernkunde als Wissenschaft von den Gesetzmäßigkeiten des Lernens;
- Kommunikationskunde als Technologie der Vermittlung von Ideen und Daten;
- Gesinnungskunde (’Ethik‘) als Technologie zur Erhaltung von Ethos;
- Erfolgskunde als Technologie der Zielverwirklichung;
- Studierkunde als Technologie des Erwerbs von Wissen und Kenntnis;
- Didaktik als Technologie der Aufbereitung und Darbietung von Lehrstoff.
Im herkömmlichen Bildungssystem wurde vor knapp einem Jahrhundert die Pädagogik zugunsten von Psychologie und Soziologie eliminiert. Vernunft, Gemüt und Gesinnung werden zwar erwähnt, aber als unbeeinflußbare Tugenden oder Eigenschaften betrachtet. Außer Didaktik - und die nur im engen fachlichen Sinn - fehlt ihm jede einzelne der angeführten wissenschaftlichen Disziplinen. Das hat seine Ursache darin, daß überlieferte Erziehungssysteme den Menschen - grob dargestellt - als selbstsüchtiges, rücksichtsloses Raubtier sahen, das erst durch Kultur zivilisiert werden müßte. Ohne diesen züchtigenden Einfluß bliebe der Mensch auf der Ebene des Raubtieres, das nur sein eigenes Überleben kennt, nur seinem eigenen Vergnügen lebt und auf niemanden und nichts Rücksicht nimmt.
Die Frage, woher denn jene Menschen, die den züchtigenden Einfluß ausüben, ihr Menschsein haben, blieb unbeantwortet oder wurde durch eine höhere Macht erklärt: Gott habe sie ausersehen, auserwählt. Solcherart fundierte Bildungssysteme schufen weltweit Gesellschaften, die in ihren Äußerungen ihre eigene Ausgangs-Annahme beweisen.
Lernen ist in solchen Systemen immer mit Verzicht, mit Leiden (für einen guten Zweck) und Verlust (an Freiheit) verbunden, Lehren immer mit Drohung und Beschränkung. Verzicht und Verlust waren geradezu das Wesentliche des Kultivierens. Unser heutiges Erziehungs- und Bildungssystem beruht auf diesen Grundlagen, entbehrt aus diesem Grund der Lernkultur und schafft so menschliches Leid.
Lernen im Sinne von Lernkultur ist das Wachsen an Wissen und Kenntnissen, an Verständnis und Fähigkeiten, das eigene Leben in all seinen Facetten im Einklang mit der gesamten Schöpfung so zu führen, daß ...
- das höchstmögliche Maß an Selbstbestimmtheit in der Lebensführung und
- das höchstmögliche Maß an Glücklichsein und Lebensfreude (aus verwirklichten Zielen) erreicht wird.
Dieser Zweck schließt unausgesprochen die soziale Komponente schon deshalb ein, weil der Mensch ein Sozialwesen ist und nur als solches Harmonie von Gemüt und Vernunft erreicht.
Von Lernkultur kann also nur dann gesprochen werden, wenn die Gemeinschaft über ein Menschenbild verfügt, das die geistige Natur des Menschen und ihn als wesensunterschiedlich zum Tier anerkennt. Wir gehen davon aus, daß der Mensch aus sich heraus über ein solches Menschenbild verfügt. Erziehung oder Bildung kann ihn nicht dieses Bildes berauben, ohne seine Harmonie zu zerstören.
Methoden und Mitteln des Lehrens sind dem Streben des Menschen nach Harmonie förderlich, wenn sie auch die Gesetzmäßigkeiten des Lernens berücksichtigen und den Zweck verfolgen, die Selbstbestimmtheit und Verantwortlichkeit des Belehrten zu vergrößern.
Es fehlt an Lernkultur in dem Maße, wie diese Bedingungen nicht erfüllt sind. In dem Maße, wie sie erfüllt und zum Fruchten gebracht werden, herrscht Lernkultur. Lernkultur nimmt an, daß viele Probleme der Menschheit und ihres Überlebens erst durch fehlgeleitete oder ungenutzt brachliegende Fähigkeiten des Menschen verursacht wurden. Die bisher ungeweckten Potentiale, welche Lernkultur zur Blüte bringen wird, werden sie lösen können.
Praktizierte Lernkultur bewirkt zunehmendes Wohlbefinden der Menschen im Einklang von Gemüt und Vernunft, mehr Menschen mit harmonischer Lebensführung, und soziale Gefüge mit besseren Bedingungen für die Entwicklung der Fähigkeiten des Einzelnen.
Seitenkopf ⇑ Freie Pädagogische Initiative für eine Neue Lernkultur, Sprachkompetenz und Selbständigkeit.
Helmut W. Karl, 1090 Wien, Türkenstraße 29.
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